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Neurodivergent

Ich hatte die letzte Zeit wieder einen Durchbruch in meinem Denken. Erkenntnisse, Aha Momente! Die sammle ich mit Hingabe, nur  bleiben sie nicht lange. Diese Gedanken versöhnen mich immer kurzfristig mit mir selbst, aber wie ein Junkie brauche ich bald Nachschub. Aber auch dieser wird nicht nachhaltig bleiben. Das ich da etwas ändern muss ist mir klar, aber ich schaffe es nicht. Aber langjährig angeeignetes Denken und Fühlen zu ändern ist eine Mammutaufgabe. Eine Aufgabe die viele niemals bewältigen. Ich vielleicht auch nicht, aber aufgeben ist keine Option.

Solange ich denken kann, fühlte ich mich anders. Zuhause, in der Schule... überall fühlte ich mich unwohl anders, nicht dazugehörig. Jeder hatte seinen Platz, kannte die Spielregeln. Jeder schien sich sicher zu fühlen als das was er war.

Im Freundeskreis habe ich mich mit Menschen umgeben die ebenso wenig ins Format passten wie ich. Kinder denen man schon früh anmerkte das sie homosexuell sind. Kinder die ausgegrenzt wurden weil sie zu dick, zu arm waren. Oder weil eben irgendwas der Creme de la Creme auf dem Schulhof nicht passte, und sie aussortiert wurden. Ich wurde nicht ausgegrenzt, ich habe mich bewusst selbst ausgegrenzt. Ich wollte unsichtbar sein. Ich hatte im Zwischenmenschlichen Angst, war unsicher und unsagbar überfordert.

Bei den Ausgegrenzten fühlte ich mich wohler. Diese Kinder kannten Unsicherheiten. Sie waren ehrlicher, authentischer!

Auch als Erwachsene ging es mir nicht besser. Die Gedanken des Lebens müde zu sein, begleiteten mich permanent. ich wollte das so nicht. Ich fühlte mich wie ein Außerirdischer auf dem falschen Planeten.

Als Mutter wurde es besser. Dann war ich nicht ich selbst, ich nahm die Rolle einer Mutter ein, diese Rolle überdeckte mein eigentliches Ich, schützte mich.

Irgendwann in meinen Zwanzigern, kam ich durch meinen 2.Sohn in Kontakt mit ADHS. Ich las alles was ich bekommen konnte, machte Elternschulungen und fand mich in vielem wieder. Ich ließ mich testen, und wusste dann das ich nicht nur sehr schüchtern und Introvertiert bin, sondern auch ADS habe. Ich bin ein Träumer, hänge immer in meinen Gedanken fest.

Lange blieb das so, bis ich 10Jahre später meine xte Therapie begann, und mir gesagt wurde das ich Hochsensibel bin. Sogar sehr Hochsensibel. Ich fing also wieder an zu recherchieren, zu lesen, mich schlau zu machen. Und ich habe geweint. So sehr geweint. Aus Trauer, Wut aber auch aus Erleichterung. Ich fühlte mich, als hätte mir jemand bestätigt, das ich einen anderen Heimatplanet habe. Ich hatte so viele Antworten. Ich war immer noch anders. Aber nicht allein, nicht verrückt. Ich fühlte mich, als hätte meine Identität einen Namen, eine Definition bekommen.

Und nochmal 10 Jahre später beschäftigte ich mich mit dem Autismus. Mittlerweile war ja auch der Medizin klar geworden, das nicht jeder Autist schwere Anzeichen hat. Autismus und ADHS unter einen Diagnose Hut zu bekommen ist aber immer noch schwer.

Aber ich merkte das es Aspekte an meiner Persönlichkeit gab, die noch nirgends dazu gehörten. Aber sie passten zum Autismus. Ich habe also einen Kurztest in einem Institut gemacht. Dieser wird online gemacht. Es ist kein ausführlicher Test, keine gesicherte Diagnose. Aber er bringt schonmal Klarheit. Und mein Ergebnis ist eindeutig ausgefallen.

Und hier stehe ich jetzt. Alles was irgendwie nie passte, passt jetzt irgendwo hinzu. Mein Leben ist nicht leichter. Nicht besser, nicht anders. Aber ich bin anders. Ich fühle mich anders. Ich bin kein Außerirdischer auf einem fremden Planet. Ich bin ein Mensch. Immer noch anders, ängstlich, überfordert, aber nicht mehr falsch.

Es mag sich seltsam anhören, wenn ich hier schreibe das all das, was für viele in die Schublade krank gehört, mich dankbar macht. Aber egal wie die Schublade heißen mag, ich habe jetzt eine Schublade. Und das schenkt mir die Gewissheit, das ich nicht richtig dazu zu passen scheine, aber dazu gehöre.

Kennt ihr diese Steckspiele für Kinder? Oft in Form eines Hauses. Man kann die verschiedenen Formen in die passende Aussparung stecken. Ein Viereck, ein Kreis, ein Dreieck und ein Stern. Ich bin ein Stern von einem anderen Steckspiel. Ich passe hinein, gehöre zu den Steckspielen, aber bin eben doch anders.

 

Viele lassen ihre Kinder nicht testen. Sie möchten nicht das ihr Kind einen Stempel aufgedrückt bekommt. Das ist nachvollziehbar. Aber mache Kinder, Erwachsene, manche Menschen sind so besonders das der Stempel immer da ist, sich nicht verstecken lässt. Dann vielleicht lieber dazu stehen. Was wir offen sehen können, macht uns nicht so viel Angst wie etwas verstecktes. Und wie sollen wir toleranter werden, wenn alles was nicht passt versteckt und verschleiert wird?

Mein Stempel bedeutet für mich Erleichterung, ein Zuhause, eine Daseins Berechtigung, ein Name und eine Dazugehörigkeit.

Nach so vielen Jahren...

Meine Eltern haben sich Mühe gegeben, viel Mühe. Aber wie sollten sie das wissen.

Ich habe mir Mühe gegeben, aber wie hätte ich es schaffen sollen.

Ich bin ein Mensch, aber ein Neurodivergenter Mensch. Das macht den entscheidenden Unterschied. 

Es ist die Abweichung, wegen der die Gleichung nicht aufging.

 

Ich weiß das viele genervt sind. Das Internet wird überschwemmt. Alles was Rang und Namen hat, legt sich ein neurodivergentes Accessoire zu. Das gehört zum heutigen Chic. Und dann wird man Youtuber oder Tik Tokker und vermarktet das ganze.

Ja es nervt, und es fühlt sich für wirklich Betroffene wie eine Ohrfeige an. Alles was früher niemand haben wollte, ist jetzt Mode, wird aus geschlachtet und vermarktet. 

 

Aber ich will hier nichts vermarkten. Nichts beschönigen und vor allem kein schlechtes Benehmen entschuldigen.

Ich möchte Aufklären, meine Geschichte teilen.

Ich hatte immer enormen Leidensdruck, und den habe ich immer noch. Das maskieren habe ich bis zum erbrechen geprobt. Wahrscheinlich kann ich bis an mein Lebensende Aha Momente haben. Momente die erklären, mich ein Stück weit mit mir versöhnen, meiner Persönlichkeit einen Namen schenken.

Aber es ist so schnell aufgebraucht. Dann brauche ich mehr. Mehr Versöhnlichkeit, Akzeptanz und Mut für mich wie ich bin, denke und fühle.

 

Wisst ihr wie wertvoll ein Namen ist? Wie wichtig, wie tröstend und wertschätzend? Wir machen uns keine Gedanken darüber. Ist ein Name doch selbstverständlich, oder?

Nein ist er nicht. Sklaven wurde häufig der Name ab erkannt, dann ist man nichts mehr. Ein niemand.

 

Zu aller erst sind wir Menschen, dann sind wir Mann oder Frau. Dann Europäer, Asiaten oder , oder , oder...

So werden wir zu geordnet, unterschieden, wir bekommen unsere ganz eigene Berechtigung für so vieles.

Aber was ist mit Menschen die aus irgendwelchen Gründen nirgendwo zu gehören? Oder irgendwo hinein gequetscht werden, wo sie doch nicht hineinpassen?

Wenn wir ein Mensch sind, aber ein Arm fehlt. Wenn wir Mann oder Frau sind , aber nur äußerlich? Wenn wir normal sind , aber eben nur oberflächlich, nur vorgetäuscht?

 

Ganz klar, Menschen sind alle normal. Alle wertvoll, alle gleichwertig. 

Aber leider eben doch nicht. Wir werden bewertet und sortiert. Ein körperlich oder geistig eingeschränkter Mensch ist in der Praxis, im Alltag eben nicht gleichberechtigt. Dazu werden ihm zu viele Grenzen gesetzt. Ein Mann im Frauenkörper ist nicht gleichberechtigt. Ein schwules Paar nicht und ein neurodivergenter Mensch eben auch nicht. Die Menschen sind klein kariert. Und das schlimme, du musst nicht mal behindert sein um woanders hin sortiert zu werden. Nein, es reicht schon eine andere Hautfarbe oder Religion.

Und alle da draußen die allem was anders ist, abwertend gegenüber stehen, sind entweder unglaublich selbstgerecht, und stolz auf etwas wo sie keinen Einfluss drauf haben. Oder sie maskieren ihr eigenes anders sein, und untermauern das mit Hass und Häme allem gegenüber was nicht in unser Idealbild passt.

Eigentlich bin ich stolz, kein Ideal in dieser Welt zu sein. Das heißt aber leider nicht, das ich nicht zu kämpfen habe. 

 

Aber in erster Linie kämpfe ich für Gerechtigkeit. Für Offenheit, für Akzeptanz. Für eine bessere Welt.

Eine Welt die ich in diesem Leben leider nicht mehr erwarten kann. 

Während es aber Menschen gibt, die keine Kinder in diese Welt setzen möchten, und damit nichts erreichen, versuche ich mit meinen Kindern Hoffnung zu schenken. Indem ich sie zu intelligenten, mitfühlenden und gerechten Menschen erziehe. Die Menschheit wird nur besser , wenn wir etwas verbessern wollen. Wenn wir der Welt gute Menschen schenken. Nicht indem wir reden und nicht handeln. Keine Kinder zu bekommen ist wie nicht wählen zu gehen.

Das muss jeder für sich entscheiden.

Aber das ist meine Meinung!

 

Seid offen für Vielfältigkeit!

Seid mutig für Veränderung.

Seid bereit für offenes Denken!

 

 

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